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Ex-Xetra-Händler verrät: So handeln Profi-Trader wirklich

Wer den Markt seit über einem Jahrzehnt schlägt, hat keine Magie. Er hat ein System — und die Disziplin, es in den schwersten Momenten auch wirklich durchzuziehen.

Christian Jagd ist kein typischer wikifolio-Trader. Er ist einer der wenigen, der aus dem echten Maschinenraum kommt: zertifizierter Xetra-Händler, ausgebildet an der Deutschen Börse, später auch Eurex-Zulassung. Sein Lehrjahr war die Finanzkrise 2009/2010 — live, mit echten Millionen unter den Fingern, Adrenalin aus den Ohren.

Seit 2014 betreibt er öffentlich sein Intelligent Matrix Trend wikifolio — mit einer Performance von +19,3% pro Jahr (Stand Juni 2026, seit März 2014). Über zwölf Jahre. Kein einmaliger Glückstreffer. Ein System, das wiederholt.

Was diese Folge besonders macht: Sie zeigt, wie man als fundamental denkender Investor im Small-Cap-Segment zweistellige Renditen anpeilt, ohne in Story-Stock-Esoterik oder ETF-Dogmatik zu verfallen — und warum sein eigentlicher Filter nicht Excel ist, sondern die Frage, ob er nachts noch schlafen kann.

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Keine Zeit? Hier ist die Essenz ↓


Im Gespräch mit Christian Jagd

00:00:00 - Einleitung: 30 Jahre Börse, 12 Jahre wikifolio mit Christian Jagd

00:01:03 - Frühe Prägung: Kaufmannsgeist & erste Börsenschritte als Jugendlicher

00:02:39 - wikifolio in der Öffentlichkeit: Transparenz als Druck oder Vorteil?

00:06:40 - Xetra-Ausbildung & Eurex: Was man als professioneller Händler wirklich lernt ⚡

00:10:33 - Finanzkrise live: Adrenalin, Millionen-Orders & Marktchaos hautnah

00:17:18 - Das wichtigste Learning aus dem Profi-Handel für die eigene Strategie

00:26:29 - Der Markt ist der Lehrmeister: Fehler erkennen & sofort korrigieren

00:44:13 - ETF vs. aktives Management: Eine ehrliche Einschätzung

00:49:28 - Warum er den Markt schlägt: Freiheitsgrad, Geschwindigkeit & Psychologie ⚡

00:53:33 - Das Handelssystem: Multistrategisch, direktional & Event-driven erklärt

01:04:52 - Relative Stärke als zentrales Prinzip – und wie man sie praktisch anwendet

01:20:49 - Positionsmanagement: 70–80 Werte, max. 5% & fast nie mehr als 10% Cash ⚡

01:36:24 - KI-Welle & Fahnenstange: Wann wird es gefährlich?

01:57:04 - Drawdown-Phasen & psychologische Resilienz: Wie man dranbleibt

02:09:03 - Abschlussfrage: Ein Satz für den Bildschirm – „Ertrage den Zweifel”

Aufnahmedatum: 9. Juni 2026

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Die Essenz der Folge

  • 30 Jahre Erfahrung sind kein Selbstläufer. Christian hat den Neuen Markt, die Finanzkrise, Corona und jetzt die KI-Welle aktiv gehandelt. Das schützt nicht vor Fehlern — aber es schärft den Instinkt für Übertreibungen auf beiden Seiten.

  • Multistrategisch schlägt monothematisch. Sein System kombiniert direktionale Trends, Relative-Value-Ansätze und Event-Strategien. Wer nur einen Modus fährt, ist blind für ganze Marktphasen.

  • Relative Stärke ist kein Indikator — es ist das Grundprinzip. Was sich gegen den Markt hält, wenn es fällt, und überproportional steigt, wenn es dreht — das ist das Signal. Alles andere ist Lärm.

  • Psychologie schlägt Analyse. Der entscheidende Satz aus dem Gespräch: „Man ist niemals verheiratet in seiner Position.” Wer das wirklich lebt — und nicht nur theoretisch versteht — hat den wichtigsten Vorteil gegenüber 90% aller anderen Marktteilnehmer.

  • Cash ist kein sicherer Hafen, sondern Angst in Zahlen. Christian hält selten mehr als 10% in Cash. Time in the market schlägt timing the market — außer in echten Ausnahmesituationen wie Corona.

  • Fehler sofort eingestehen, sofort korrigieren. Das hat er von seinem Chef als Xetra-Händler gelernt: „Mist gebaut — sofort raus, Restart.” Kein Hoffen, kein Bangen. Der Markt wartet nicht auf den eigenen Stolz.

  • Das mulmige Gefühl ist gut. Wer sich bei KI-Aktien zu 100% sicher fühlt, hat aufgehört, den Markt zu lesen. Der Zweifel hält wach. Der Zweifel ist der Edge.

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Die Story hinter dem Gast

Christian wächst in Rheinhessen auf — Weinbaugebiet, Herbstferien auf dem Weinberg, und schon als Kind versteht er: Geld entsteht durch Arbeit und Handel, nicht durch Warten. Sein Vater ist Kaufmann. Das Denken in Chancen sitzt früh.

Mit 13 bekommt er das Buch „Geld, Gold, Börse” zu Weihnachten. Er wühlt sich durch. Ein paar Jahre später eröffnet er sein erstes Depot bei Konsors — per Fax, mit handgeschriebenen Orderformularen. Drei Stunden auf Bestätigung warten. Das war 1996. Das Internet existiert, aber Börseninformationen müssen noch als Datenpakete heruntergeladen werden — Download: eine halbe Stunde, Entpacken: eine Viertelstunde, Daten: eine Stunde veraltet.

Er entwickelt trotzdem Chartanalyse. Zeichnet Linien, studiert historische Charts, kauft Bücher. Der Neue Markt bricht über ihn herein wie eine Euphoriawelle. Alles steigt. Er steigt auch. Dann erkennt er die Signale: Unterstützungslinien brechen. Nackenlinie einer Kopf-Schulter-Formation bricht. Er verkauft — als alle anderen noch kaufen.

„Die Charttechnik hat mich davor bewahrt, dass ich mein Geld, was ich vervielfacht hatte, wieder verliere.”

Der Neue Markt reißt viele in den Abgrund. Christian kommt relativ unversehrt raus. Nicht durch Glück. Durch Beobachtung und den Mut, gegen die Stimmung zu handeln.

Dann kommt der Sprung ins Professionelle. Xetra-Händler, Eurex-Ausbildung, zehn Bildschirme, automatisierte Systeme. Lehrjahr: Finanzkrise 2009/2010. Am Höhepunkt der Krise sitzt er live am System, als eine Market Order über 200.000 Stück — über 10 Millionen Euro in wenigen Sekunden — durch das Orderbuch rauscht und eine Lawine auslöst. Adrenalin. Entscheidung in Sekunden. Absichern, warten, wieder glattstellen.

„In so einer Situation hast du ein, zwei Minuten Adrenalinausstoß — gigantisch. Das muss man erst mal verarbeiten.”

Er macht Fehler. Ein Kollege startet morgens den Rechner, ein Script läuft automatisch, und innerhalb von Minuten sind unzählige ungewollte Positionen offen. Lehrgeld. Teures. Aber: Die Möglichkeit, es zurückzuholen, existiert auch.

Seit 2014 die Entscheidung: wikifolio. Fremdes Geld, öffentliche Trades, volle Transparenz. Neuer Druck. Aber Christian trennt die Ebenen konsequent: „Börse bleibt Börse. Das spielerische Element darf man sich nicht nehmen lassen.”

Das System

Anlageuniversum: Schwerpunkt USA und Europa — liquide Märkte, gute Informationsbasis. Edelmetalle (Gold) als Beimischung. Krypto beobachtet, aber aktuell mehrheitlich außen vor. Keine Selbstdarstellung als Asien- oder Afrika-Experte.

Strategischer Baukasten — multistrategisch:

  • Direktionale Strategien: Klare Richtungsentscheidung — Top-down von Region über Sektor bis zur Einzelaktie, begleitet durch Charttechnik

  • Relative-Value-Strategien: Europa short, USA long. Korrelationen ausnutzen. Gold als negativer Korrelator (obwohl die Entkopplung von Aktien zuletzt abgenommen hat)

  • Event-Strategien: Quartalszahlen, Biotech-Studienergebnisse, aktivistische Investoren, Fallen Angels

Positionierung:

  • Max. 5% pro Position, typischerweise 70–80 Werte gleichzeitig

  • Cashquote selten über 10%

  • Positionsgröße dynamisch: Chance/Risiko-Verhältnis entscheidet, nicht eine starre Formel

Edge: Freiheitsgrad. Kein Fondsmanager muss sich dem Management gegenüber rechtfertigen. Kein Regularium, das Cash-Quoten oder Sektorallokation erzwingt. Schnelle Entscheidungen, volle Flexibilität über alle Asset-Klassen. Das ist der strukturelle Vorteil gegenüber institutionellen Häusern.

„Ein Fonds kann nicht einfach 60% in Cash gehen. Ich kann das. Das ist der Werkzeugkasten-Unterschied.”

Charttechnik — zeitlos und konkret: 200-Tage-Linie, Kopf-Schulter-Formationen, Unterstützungszonen. Keine übertriebene Indikatoren-Kakophonie. Die großen Signale zählen — weil sie alle sehen und alle darauf reagieren. Das macht sie valide.

Gewinne mitnehmen: Kein fixes Kursziel. Wenn das Chartbild sich verdunkelt, wird die Position zunächst verkleinert. Bewährt sich die Schwäche — Position geschlossen, auf die Watchlist. Bewährt sie sich nicht — Position bleibt oder wird wieder aufgestockt. Psychologisch ehrlich und praktisch effektiv.

Risikomanagement: Mentale Stopps, keine mechanischen Stopps bei illiquiden Werten (Gefahr: Ausführung im schlechtesten Moment). In hochliquiden Werten durchaus harte Stops möglich. Kern: Fehler sofort anerkennen, nicht darauf warten, dass der Markt Recht gibt.


Hier lernen & wachsen alle, die handeln:

Der Mensch

Auf die Frage, was er sich an seinen Bildschirm kleben würde, antwortet Christian ohne lange zu überlegen:

„Ertrage den Zweifel. Bleib skeptisch. Bleib wach.”

Das ist kein motivationaler Slogan. Es ist eine ehrliche Beschreibung dessen, was ihn 30 Jahre am Markt hält.

Der Drawdown 2021/2022 war real und schwer. Er kommt damals aus einem starken Momentum, verpasst den optimalen Verkaufszeitpunkt, verliert Boden. Was tut er? Er sitzt die Phase nicht einfach aus. Er hinterfragt sein System. Er führt wieder ein Trader-Handbuch: Warum bin ich in diese Position gegangen? Warum habe ich sie so lange gehalten?

Keine Panik. Aber auch keine falsche Gelassenheit.

„Man kann nicht zu jeder Zeit die beste Performance liefern. Aber man kann über Jahre mit der richtigen Strategie zur rechten Zeit am rechten Platz sein.”

Über den psychologischen Druck der öffentlichen wikifolios spricht er offen: Jeder Trade ist sichtbar, jede Entscheidung für Investoren nachverfolgbar. Er hat sich aktiv entschieden, daraus keinen zusätzlichen Druck zu machen — das Transparenzprinzip gehört zum Produkt, und wer damit nicht umgehen kann, sollte kein öffentliches Portfolio führen.

Was ihm bis heute schwerfällt: Positionen loslassen, an die er glaubt, die der Markt aber anders sieht.

„Irgendwann muss man ehrlich zu sich sein und sagen: die These hat sich nicht erfüllt. Dann gehst du raus. Nicht weil du aufgibst — sondern weil du frei bleiben willst.”

Er glaubt nicht, dass KI-Trading den Menschen ersetzen wird. Er beobachtet es, diskutiert Positionen mit verschiedenen KI-Modellen, arbeitet mit Leuten zusammen, die vollautomatische Entscheidungssysteme bauen. Sein Urteil: Das Feld ist spannend. Das Rennen ist noch nicht gelaufen.

Und am Ende ist er immer noch der Mensch, der morgens seinen Bildschirm aufmacht, den Markt scannt, die Storys des Tages liest — und dann entscheidet.

Mit Zweifel. Mit Vorsicht. Mit System.

👉 Nicht nur hören. Nutzen.

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