Was diese Folge besonders macht: Sie zeigt, wie man als fundamental denkender Investor im Small-Cap-Segment zweistellige Renditen anpeilt, ohne in Story-Stock-Esoterik oder ETF-Dogmatik zu verfallen – und warum sein eigentlicher Filter nicht Excel ist, sondern die Frage, ob er nachts noch schlafen kann.
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Keine Zeit? Hier ist die Essenz ↓
Im Gespräch mit Till Schwalm
00:00:00 - Einleitung: Rendite entsteht im Unternehmen – nicht an der Börse
00:01:03 - Warum Till Charts ignoriert: Sein Investmentansatz erklärt
00:03:44 - Von der Finanzkrise 2008 zum eigenen Beteiligungsportfolio
00:10:00 - Value Investing vs. GARP: Wie sich der Stil über die Jahre veränderte
00:20:04 - Der Investmentprozess: Wie aus 100 Ideen eine einzige Kaufentscheidung wird ⚡
00:26:35 - Die Investment-Story: Wie eine These aufgebaut und kommuniziert wird
00:31:22 - Fallstudie Alphabet: Wenn der Markt eine falsche Geschichte erzählt ⚡
00:43:18 - Timing-Frage: Wann ist der richtige Einstiegszeitpunkt?
00:51:06 - Risikomanagement: Wann bricht eine Investmentthese – und wann verkaufst du?
01:05:11 - Fallstudie Novo Nordisk: Wachstumsdelle oder echter Trendbruch?
01:15:13 - KPIs & Bewertungsmodell: Free Cashflow Yield statt kompliziertem DCF ⚡
01:25:28 - Bewertung von Wachstums- und KI-Unternehmen: SpaceX, Anthropic & Co.
01:59:08 - KI im Investmentprozess: Sparringspartner oder Jobkiller?
02:08:22 - Wird KI den Investor ersetzen? Dystopie und Chancen
02:21:06 - Rückblick & Lektion: Was Till seinem jüngeren Ich raten würde
Aufnahmedatum: 5. Juni 2026
Kennst du jemanden, der das wissen muss?
Die Essenz der Folge
Stopp-Loss gibt dir kein Risikomanagement, wenn du das Unternehmen nicht verstehst: Schwalm setzt nicht auf Chart-Schwellen, sondern auf eine fundamentale These pro Unternehmen – wenn die Story durch Zahlen oder Management-Aussagen zerstört wird, ist der Trade vorbei; ein Kursniveau allein ist nie das Signal.
Der eigentliche Edge liegt nicht im „billig kaufen“, sondern im Filtern: Von 100 Ideen überlebt im Schnitt eine die komplette Schleife bis auf die Watchlist – wer wahllos jede spannende Story kauft, spielt nicht im selben Spiel wie jemand, der bereit ist, 99% aller Ideen systematisch zu verwerfen.
Small Caps sind kein Playground, sondern ein Zwang zur Recherche: Sein Ansatz funktioniert nur, weil er diese Unternehmen über Jahre begleitet, mit Management spricht, Zyklen durchlebt und Bilanzqualität wirklich versteht – ohne diesen Tiefgang ist „Small Cap“ nur ein Hebel auf Idiosynkrasierisiko.
Die Kombination aus Narrativ und Zahlen ist nicht „nice to have“, sie ist der gesamte Investmentcase: Alphabet ist für ihn das Musterbeispiel – zweimal gegen das Markt-Narrativ (Zerschlagung, dann KI-Verlierer) gewettet, weil die Zahlen das Gegenteil erzählten; ohne diesen Doppelcheck wäre es reines Sentiment-Trading.
Risikomanagement ist Schlafmanagement: Nach 2009 und Praktiker definiert er Risiko nicht mehr als Volatilität, sondern als die Frage, ob er nachts wachliegt – der Portfolioaufbau (Kernpositionen, Bilanzqualität, Verzicht auf extrem binäre Wetten) ist direkt aus dieser persönlichen Schmerzgrenze abgeleitet.
Erwartete Rendite kommt aus Free Cashflow und realistischem Wachstum – nicht aus Multipel-Fantasie: Seine Bewertungslogik ist eine pragmatische DCF-Variante, bei der Multipel-Expansion explizit als Gratisoption behandelt wird; wer seine Renditeziele nur mit Bewertungsfantasie erreicht, hat aus seiner Sicht keinen Edge, sondern Hoffnung.
Feedback ist härter als der Markt – und wertvoller: Die Praktiker-Geschichte zeigt, dass der größte Lerneffekt nicht aus dem Kurssturz kam, sondern aus dem präzisen, unbequemen Gegenargument eines Bloggers; seitdem ist Kritik kein Angriff mehr, sondern ein kostenloser Hedge gegen Blindspots.
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Die Story hinter dem Gast
Jeder Investor hat diesen Moment, in dem das theoretische System auf die Realität prallt. Bei Till Schwalm war das die Finanzkrise. Als Student, frisch im Investment-Club, steigt er 2008/09 in den Markt ein – Lehrbuch-„Value“, günstige Bewertungen, „guter Zeitpunkt“. Der Markt fällt weiter, Lehman implodiert, das junge Portfolio verliert zweistellig, und er liegt nachts wach und rechnet durch, wie viel noch fallen kann.
Diese Erfahrung setzt den ersten Anker: Er will nie wieder in Positionen sitzen, bei denen er nachts nicht abschalten kann. Trotzdem führt sein Weg zunächst in die klassische Value-Welt: tiefe Multiples, Kurs-Buchwert-Discounts, „ridiculous günstige“ Immobilienwerte wie GAGFA mit Dividendenrenditen von 25% pro Jahr – und zyklische Problemfälle wie Fleiderer, bei denen der Markt nicht nur übertreibt, sondern am Ende einfach recht behält.
Parallel dazu arbeitet er als Analyst beim LOYS-Aktienfonds, taucht tief in den deutschen Nebenwertemarkt ein, besucht Hauptversammlungen, Kapitalmarktkonferenzen, spricht mit Managements. Aus dieser Phase stammt sein heutiger Reflex: Ein Unternehmen ist kein Ticker, sondern ein Organismus mit Zyklen, Hochs, Tiefs, Krisen – wer es nur als Zahl in einem Screen sieht, versteht weder Risiko noch Chance wirklich.
Dann kommt die lange Durststrecke ab 2016. Das alte Rezept – günstige Kennzahlen plus Turnaround-Story – funktioniert nicht mehr. „Günstig“ bleibt günstig oder wird zur Value Trap, weil die strukturellen Probleme real sind, während Qualitäts- und Wachstumstitel davonziehen. Er unterperformt mehrere Jahre, und genau dort dreht er das System: weg vom puren Preisfokus hin zu GARP, also „Growth at a Reasonable Price“ – Qualität, Bilanzstärke, strukturelles Wachstum als Pflicht, Bewertungsabschlag als Bonus.
Ein zweiter, noch schärferer Einschnitt ist die Praktiker-Anleihe: Er kauft sie um 40% des Nominals, rechnet konservativ Lagerabschläge und Verwertungserlöse und kommt zum Schluss, dass selbst im Insolvenzfall genug Wert übrig bleibt. Ein Blogger seziert seine Logik und weist darauf hin, dass die werthaltigen Assets in den Töchtern liegen, während die Anleihe auf Konzernebene sitzt – juristisch hat er im Ernstfall keinen Zugriff. Er bleibt trotzdem drin. Die Anleihe fällt auf null, ein großer Teil seines Ersparten ist weg.
Diese Episode prägt ihn mehr als jeder Gewinntrade. Sie lehrt ihn, Bilanzstrukturen wirklich zu verstehen, Kapitalstruktur über reine Kennzahlen zu stellen – und Kritik nicht mehr als Angriff, sondern als Lebensversicherung seiner Thesen zu sehen. Seitdem ist sein System weniger glänzend, aber ehrlicher: lieber eine verpasste Chance als ein nicht verstandenes Risiko.
Das System
Schwalm investiert primär in europäische Small Caps plus ausgewählte große Titel wie Alphabet – immer mit dem gleichen Raster: verständliches Geschäftsmodell, saubere Bilanz, klarer Free-Cashflow-Pfad. Sein Portfolio besteht aus rund 20 Titeln, davon 10 Kernpositionen mit jeweils mindestens 5% Gewicht, die größte etwa 15% – ergänzt um kleinere „Talente“-Positionen, die bei Bestätigung der These wachsen dürfen.
„Ich will nachts ruhig schlafen können, weil ich in guten Unternehmen investiert bin, die operativ weiter gut laufen.“
Die Erwartungslogik: Umsatzwachstum und operative Marge werden zu einem realistischen Free Cashflow verdichtet, daraus leitet er eine Free-Cashflow-Rendite auf den aktuellen Kurs ab. Die angestrebte Jahresrendite ergibt sich aus dieser Cashflow-Rendite plus nachhaltigem Wachstum – Multipel-Expansion ist nur Bonus, nicht Basis der Entscheidung.
Sein Ideen-Funnel ist extrem scharf: Zehn neue Ideen laufen durch ein Excel/TIKR-Modell, eine überlebt den Fünf-Minuten-Check, eine von zehn davon schafft es nach einem Deep Dive auf die Watchlist – am Ende bleibt im Schnitt eine Aktie aus hundert ursprünglichen Impulsen übrig. Erst wenn Story und Zahlen über mindestens einige Quartale konsistent bleiben und der Preis zur eigenen Renditeerwartung passt, wird aufgebaut – verkauft wird nicht bei Chartbrüchen, sondern wenn die Investmentgeschichte nicht mehr zur Realität passt.
Der vierte Punkt ist sein psychologischer Filter: Er bevorzugt nur Positionen, bei denen er selbst in Krisen ruhig bleiben kann. Nicht maximale Aktivität, sondern maximale Überzeugung bei überschaubarem Stress ist für ihn das eigentliche Risikomanagement.
Hier lernen & wachsen alle, die handeln:
Der Mensch
Seine ganze Strategie ist eine Reaktion auf echte Schmerzen: die Verluste im Investment-Club 2009, die jahrelange Value-Durststrecke ab 2016 und die Praktiker-Anleihe, bei der ein ignoriertes Gegenargument in den Totalverlust führte. Seitdem konstruiert er sein System um seine eigene Psyche herum: keine binären Zockereien, keine übergroßen Einzelwetten, dafür wenige, gut verstandene Unternehmen, bei denen er selbst in Crashphasen schlafen kann.
Er unterscheidet scharf zwischen falschem Prozess und schlechtem Outcome – Praktiker war für ihn ein Prozessfehler, weil er Bilanzstruktur und Kritik ignoriert hat. Kritik sieht er heute als kostenlosen Hedge gegen Blindspots und stellt eine unbequeme Frage in den Raum: Wenn du nicht glaubst, in deinem Spielfeld einen echten Edge zu haben, warum trittst du dann überhaupt gegen den Markt an – statt einfach den Index zu kaufen?
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